Spiritualität als Kernessenz der Therapie

Auszüge aus einem Gespräch zwischen dem spirituellen Lehrer Thomas Hübl und Miriam Popper

Miriam: Lieber Thomas, du bist diese Woche Vater geworden, wozu ich dir natürlich ganz herzlich gratulieren möchte! Deshalb meine erste Frage zum Thema Elternschaft: was sollten Eltern aus deiner Sicht tun, um ihrem Kind optimale Bedingungen für eine gesunde seelische Entwicklung zu bieten?

Thomas: Jeder Mensch, der ins Leben kommt, kommt mit einer gewissen Kernintelligenz, die sich ausdrücken und Gestalt annehmen will. Ich schaue diese Kernintelligenz von der mystischen Seite an: etwas entsteht aus dem Nichts, konzentriert und verdichtet sich zu einer Form und kehrt irgendwann wieder in dieses Nichts zurück. So kommt jedes Kind mit einem kreativen Impuls ins Leben und will die Kernintelligenz ausdrücken. Ist dies möglich und wird nicht gestört, dann entsteht ein Lebensfluss, dann fliesst die Energie. Wird die Energie jedoch blockiert durch gewisse Strukturen in Familie, Schule und Gesellschaft, wird die Kernintelligenz in ihrer Entfaltung gestoppt: dies führt zu Symptomen – einer Art Energiewirbel – an welchen dann die weitere Lebensenergie sozusagen abprallt und sich zurückzieht. Anstatt zu fliessen entsteht eine verfestigte Struktur. Es kommt zu Vermeidungsverhalten und „Schattenerfahrungen“, die Kernintelligenz kann sich nur mehr über eine „Umfahrungsstrasse“ ausdrücken, was immer sehr viel Energie braucht. Wenn Eltern den Lebensfluss ihres Kindes unterstützen, werden sie ein Umfeld schaffen, in dem das Kind seiner eigenen Kernintelligenz gemäss aufwachsen und sich verwirklichen kann. Dann werden Umfahrungsstrassen überflüssig, dann besteht Kontakt und Berührung und Entwicklung.

Miriam: Kannst du etwas mehr zu dieser „mystischen Perspektive“ sagen?

Thomas: Mystik ist für mich eine Tiefenwissenschaft des Menschen – tiefer noch als die psychologische Dimension, die es natürlich auch braucht. In der Mystik gibt es aber ein ganz tiefes Wissen von dem, was wir noch nicht kennen, noch nicht erforscht haben, was unbewusst in jedem Menschen als Potential liegt. Ich unterscheide eine Bewusstseinsentwicklung in vertikaler und in horizontaler Richtung. Horizontal kann man sich immer mehr Kenntnisse aneignen, breiteres Wissen erwerben, kompetenter werden… vertikal aber gibt es eine Entwicklung hin in Richtung Spiritualität. Die spirituelle Entwicklung ersetzt dabei alle anderen Entwicklungen nicht (die soziale, psychologische, emotionale, intellektuelle etc.), sondern ist eine Art Kernmotivation, die uns in allen anderen Entwicklungen eine höhere Bewusstheit schafft. Das heisst, dass ein Therapeut, eine Therapeutin, die auch spirituell arbeiten, in all ihren Kompetenzen den grösstmöglichen Bewusstseinsradius hat. Solch eine höhere Bewusstheit ermöglicht, intuitiv zu erkennen, welches die unter dem Charakterpanzer liegenden traumatischen Erfahrungen sind: diese stellen immer auch eine Art von „Nichtkontakt“ dar. Der oder die Therapeut/in wird dann durch die therapeutische Beziehung  Kontakt zu diesem Ort im Patienten schaffen. Dazu braucht es eine hohe Beziehungskompetenz, eine Kompetenz, die nicht auf der Uni, sondern nur durch Selbsterfahrung zu erlernen ist. Was heilt, ist aus meiner Sicht, das Energiefeld des Therapeuten, der den Klienten so umfassen kann, dass die energetische Beziehung an den Orten des „Nichtkontaktes“ Kontakt schaffen und damit den gestoppten Lebensfluss ins fliessen bringen kann.

12.6.2011. Tel Aviv

Interview, Transkription und Bearbeitung Miriam Popper